Praxis für systemische Therapie

Beratung - Therapie - Aufstellungen

KRITIK AN HELLINGER

 

Christiane Sautter, Kritik an therapeutischen Interventionen beim Familienstellen nach Hellinger, erschienen in: Wir Heilpraktiker, Fachzeitschrift für Naturheilkunde, 2 / 2003

 

Mit diesem Artikel wenden wir uns nicht gegen die Person Bert Hellingers, wohl aber gegen einige seiner Interventionen, die wir für wenig hilfreich, ja, sogar für schädlich erachten, insbesondere aber gegen den von ihm eingeführten autoritären Stil in der Therapie, der von vielen seiner Schüler eifrig nachgeahmt wird.

 Viele Menschen halten Bert Hellinger für einen systemischen Familientherapeuten, der das Familienstellen erfunden hat. Beide Annahmen sind falsch. Bert Hellingers Arbeit hat mit systemischer Psychotherapie überhaupt nichts zu tun; er ist kein systemischer Psychotherapeut, er war katholischer Priester. Der Professor für Psychologie Fritz B. Simon von der Universität Heidelberg schreibt dazu in „Psychologie Heute“: „Bert Hellingers Methoden haben mit der systemischen Therapie nichts gemeinsam. Wer beide in einem Atemzug nennt, betreibt Etikettenschwindel (7/98).“

Das Familienstellen stammt von der US-amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir, die es in den sechziger Jahren unter dem Namen „Familienrekonstruktion“ einführte. Hellinger lernte die Familienrekonstruktion bei Virginia Satir kennen und entwickelte sie nach seinen Vorstellungen weiter. Dabei machte er die Arbeit international bekannt und führte einige sehr wertvolle Neuerungen ein. Andere Aspekte seiner Arbeit bereiten uns, die wir systemische Aufstellungen betreiben, immer größere Probleme. Wir wollen damit die Arbeit Hellingers und die Arbeit vieler kompetenter Therapeuten nicht abwerten. Wir wissen, dass in vielen Praxen hervorragende Arbeit geleistet wird! Doch es gibt Missstände, die ganz eindeutig zu Lasten der Klienten gehen, und diese Missstände sprechen wir an.

Jede gute Therapie sollte den Klienten unterstützen, eigene Erkenntnisse zu finden und eigene Schritte zu wagen. Wir, und ich glaube, wir sprechen im Namen von Hunderten von Kollegen, würden uns nie anmaßen, über Klienten zu urteilen, sie moralisch zu etikettieren oder ihnen autoritäre Vorschriften zu machen, bei deren Nichtbefolgung sie bestraft werden. Wir sehen unsere Klienten als Partner, die wir bei ihrem Weg zu sich selbst unterstützen. Durch einen autoritären, bevormundenden Therapiestil kann dies ganz sicher nicht erreicht werden.

Bert Hellinger ist dagegen nicht immer, aber oft genug in einer Weise autoritär mit seinen Klienten, die wir ganz grundsätzlich nicht nur therapeutisch, sondern auch rein menschlich für äußerst fragwürdig halten. Er verweigert therapeutische Hilfe oder bricht Aufstellungen ab, weil der Klient seiner Überzeugung „noch nicht so weit ist“, weil er „nicht demütig genug ist“ oder es gar wagt, Fragen zu stellen oder Interventionen zu hinterfragen. Sätze wie „Du hast ein kaltes Herz“ oder „Du bist böse“, die der aufmerksame Leser in seinen Büchern lesen kann, haben unserer Meinung nach ebenfalls in einer therapeutischen Beziehung nichts zu suchen, kommt der Klient doch nicht deshalb zu uns, um in eine moralische Schublade gesteckt zu werden, sondern um mit uns gemeinsam nach den Wurzeln seiner Schwierigkeiten zu forschen. Bei solchen Aussprüchen hören wir den katholischen Priester, der die jahrzehntelange moralische Autorität, die ihm Kraft seines Amtes verliehen war, auch als Therapeut für sich beansprucht.

Dass Hellinger keine Skrupel hat, Menschen zu kränken, erlebten wir selbst in einem Vortrag, den er 1998 in Dornbirn, Österreich, hielt. Er scheute sich nicht, eine Frau, deren Frage ihm wohl nicht passte, völlig unnötig vor vielen Hundert Menschen bloßzustellen und lächerlich zu machen. Den dadurch entstandenen Tumult betrachtete er lächelnd, bis einer der vielen anwesenden Therapeuten die Situation nicht länger aushielt und versuchte, diese für ihn zu bereinigen.

Was uns ebenfalls große Sorge macht, ist, dass Klienten in Aufstellungen durch oder nach Hellinger kaum Zeit haben, ihre Situation darzulegen. Hellinger hält Vorgespräche nicht nur für unnütz, sondern sogar für schädlich. So haben Klienten keine Möglichkeit, auf ihre psychische Konstitution bzw. Belastbarkeit, auf eventuelle psychische Erkrankungen, auf Missbrauch oder Trauma Aufmerksam zu machen.

Ganz besonders fatal wirkt sich dieser Mangel an Information bei traumatisierten Menschen aus. Dass es Trauma gibt, ist heute Allgemeinwissen. Wie mit Trauma therapeutisch verfahren werden muss, scheint dagegen vielen Aufstellern völlig fremd zu sein. Da werden hemmungslos die schlimmsten Erlebnisse wachgerufen oder aufgedeckt, oder gar Traumata erzeugt! Abbrüche der Aufstellung, die bei Hellinger und auch bei seinen Nachfolgern mehr oder weniger häufig eingesetzt werden, wirken nämlich bei entsprechend belasteten Klienten ebenfalls traumatisierend oder triggern ein Trauma an. Wir kennen einige Betroffene, die nach solch einem therapeutischen Tiefschlag jahrelang berufsunfähig waren mit allen sozialen und persönlichen Folgen.

Da wir in Familienaufstellungen häufig mit traumatischem Seelenmaterial konfrontiert werden, müssen wir Therapeuten, die wir mit dieser Technik arbeiten, ein Trauma zumindest erkennen können und wissen, dass die knallharte Wahrheit in solchen Fällen "nicht frei macht", sondern einen Menschen in eine schwere Krise stürzen kann. Es gibt Fälle, in denen wachgerufene Traumata einen solchen Schock verursachen, dass sich der Betroffene nie wieder davon erholt. Da niemand von uns wissen kann, was unsere Klienten erlebt, bzw. verdrängt haben, ist hier äußerste Vorsicht geboten. Wenn ein Trauma anhand der Symptomatik befürchtet werden muss, ist der sichere Weg der, einem solchen Klienten eine Einzeltherapie bei einem dafür ausgebildeten Therapeuten nahezulegen.

Ein besonderes Ärgernis ist uns der Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Hellinger. Er behauptet in seinem Buch „Ordnungen der Liebe“, Inzest käme vor allem in Familien vor, in denen der Mann mehr gäbe als die Frau und die Frau ihm dafür die Tochter zuführe (S. 277). Die Frau ist also schuld daran, dass der Mann seine Sexualität nicht im Griff hat! Wem das irgendwie bekannt vorkommt, kann in den Schriften von Augustinus, bei Thomas von Aquin ober Albertus Magnus sein Wissen auffrischen. Es ist alte katholische Lehrmeinung, dass an den sexuellen Fehltritten des Mannes immer die Frau schuldig ist. Wenn Hellinger in Bezug auf das missbrauchte Mädchen dann auch noch den Ausspruch tut: „Das Röslein duftet noch“ (S. 278), klingt das zynisch, ja geradezu bösartig: nach dem Motto weil man nichts sieht, ist auch nichts Schlimmes passiert! Sein Lösungsmittel für das Trauma dieser Frauen ist, dass sie den Täter achtet. Nur dann könne die Frau später eine glückliche Partnerschaft führen.

Wir, die wir häufig mit sexuell missbrauchten Frauen arbeiten, können in solchen Sätzen bestenfalls die totale Ignoranz gegenüber dem Verbrechen und dem jahrelangen Leiden der Betroffenen sehen. Sexueller Missbrauch traumatisiert Frauen, auch wenn es "nur" einmal passiert ist und der Akt nicht vollzogen wurde, meist übrigens nur deshalb nicht, weil das Mädchen noch zu jung und die Penetration anatomisch nicht möglich war.

Wir haben unzählige Male in unseren Aufstellungen erlebt, wie erleichtert die Opfer waren, wenn die Tat beim Namen genannt und den Tätern die volle Verantwortung dafür zugemutet wurde. Schon dieses Ritual erleichtert die Frauen dauerhaft, das beweisen die Rückmeldungen vieler Betroffener. Es ist lange überfällig, dass diese schwere Misshandlung an Kindern nicht mehr als „Kavaliersdelikt“ behandelt werden, sondern als Verbrechen, das mit Recht mit Gefängnis bestraft wird. Sexuell missbrauchte Menschen leiden oft ein Leben lang an den vielfältigen quälenden Folgen dieser besonders perfiden Gewalt.

Die Frage, ob eine Aufstellung die „absolute Wahrheit“ der Familie zeigt oder ob der aufstellende Klient damit seine subjektive Wirklichkeitskonstruktion darstellt, kann man als philosophische Frage abtun. Die Auswirkungen auf den Klienten sind allerdings gewaltig. Wenn sich in der Aufstellung die „absolute Wahrheit“ zeigt, muss sich der Klient dieser und damit der Wahrnehmung des Therapeuten und der aufgestellten Doubles beugen. Professor Simon schreibt dazu: Hellinger versucht, „die Ordnung, die er für richtig hält, in die Familie zu bringen“ (Psychologie Heute, 7/98).

Systemische Psychotherapeuten glauben im Gegensatz dazu, dass jeder Mensch die Welt durch „seine Brille“ sieht und sich seine Wirklichkeit letztlich konstruiert. Deshalb kann der Therapeut gar nicht im Besitz „der Wahrheit“ sein. In einer systemischen Aufstellung betrachten wir daher die Aufstellung als „emotionalen Landkarte“, nach denen der Klient funktioniert. Mit dieser arbeiten wir und diese kann der Klient verändern. Die Befindlichkeit der aufgestellten Doubles ordnet sich in einer solchen Aufstellung den Ordnungsgesetzen der systemischen Psychotherapie unter.

Wir haben seit sechs Jahren etwa 180 Seminare mit fast 2000 Menschen gegeben. Aus dieser Erfahrung heraus möchten wir allen, die sich zu einer Aufstellung entschließen, dringend zu Folgendem raten:

 

  • Informieren Sie sich über den Ausbildungsstand des oder der Therapeuten.
  • Besuchen Sie, wenn Sie sich nicht sicher sind, ein solches Seminar erst einmal als sog. Double, ohne Ihre Familie selbst aufzustellen.
  • Akzeptieren Sie in keinem Fall autoritäres oder abwertendes Verhalten. Kein Therapeut hat das Recht, Sie abzuwerten oder zu etwas zu zwingen!
  • Keiner weiß mehr über Sie, als Sie selbst. Geben Sie Ihre Eigenverantwortung nicht aus der Hand! Trauen Sie in jedem Falle zuerst Ihren Gefühlen. Denken Sie daran: alles, was mit Ihnen in einer Familienaufstellung geschieht, müssen Sie auslöffeln, nicht der Therapeut.

 

Diese Regeln sind für die meisten Therapeuten sowieso selbstverständlich, ganz gleich, nach welcher Methode sie arbeiten. So kann aus einer Familienstellung, ob nach Hellinger oder nach Satir, ein Erlebnis werden, in dem verkrustete Verhaltensmuster erkannt und aufgeweicht werden, damit das Alltagsleben lebenswerter und schöner wird.

© Christiane Sautter

 

Weitere Informationen:

Sautter, Alexander und Christiane. (2012). Aufstellen – systemisch richtig! Was Sie über Aufstellungen wissen sollten und wie Sie sich darauf vorbereiten können. Wolfegg: Verlag für Systemische Konzepte

 

Haas, Werner. 2005. Familienstellen – Therapie oder Okkultismus? Das Familienstellen nach Hellinger kritisch beleuchtet. Asanger Verlag GmbH Kröning